Die Handygarage - LEAD&SA!L Offline Retreat
Aktualisiert: vor 2 Tagen

HANDYGARAGE – vier Menschen, null Netz, ein Plan
Eigentlich wollt ich nur wissen, ob man eine Woche ohne Handy überlebt. Jetzt weiß ich: Man überlebt nicht nur – man trifft bessere Entscheidungen. Und man lernt, was ein Palstek ist. Fast.
Übrigens, ich bin J., Bereichsleiterin aus Graz, und bis letzten Samstag war mein Handy mein verlängerter Arm.
DAY 1 – „Parkgebühr: null. Ausfahrt: Freitag.“

Punat, Marina Krk, Samstag, 15 Uhr. Ich hab's geübt, im Auto, dreimal: „Bitte an Bord kommen zu dürfen.“ – „Erlaubnis erteilt!“ Der SK!PA lächelt, ob nett oder mitleidsvoll kann ich noch nicht einschätzen. Auf jeden Fall: Ich gehöre dazu. Geht ja gut los.
Keine fünf Minuten später hält er uns eine Holzkiste hin. Aufschrift: HANDY- & UHRENGARAGE. „Parkgebühr: null. Ausfahrt: am nächsten Freitag.“
T., Geschäftsführer aus Wien, hält sein Handy fest, als hätte man ihm gerade das Lenkrad weggenommen. „Und wenn die Firma anruft?“ – „Dann merkt sie, wie gut du delegiert hast.“ Mit seiner Uhr hatte er komischerweise gar kein Problem. Ich schon.
Bääm. Die Notfallkette ist besprochen und vereinbart, Deckel zu.
In den ersten Stunden greif ich mir dreimal an die Hosentasche. "Phantomvibrieren."
M. aus München fühlt es auch. Wir lachen. A., Produktionsleiterin aus Linz, meint trocken: „Das ist der Entzug. Der Kater kommt am Dienstag.“ Der Schmäh rennt, bevor die Leinen los sind.
Dann werden die Funktionen verteilt. A. übernimmt die Navigation, M. Bordkasse und Proviant, ich das Wetter – ohne App, wohlgemerkt, dazu später mehr. Und T.? Die Kombüse. Der Geschäftsführer am Herd. Sein Kommentar: „Endlich eine Abteilung, in der niemand widerspricht.“ Die Nudeln am Abend? Genial. Widerspruch zwecklos.
Was mir erst später auffällt: An Bord sagt die Funktion, wer gerade die Verantwortung hat und wer führt – nicht die Visitenkarte.
Überhaupt ist das ja mit der systemischen Führung und dem Management ganz was anderes, als ich es bis jetzt gehört hatte. Absolut sinnhaft, wenn man mal intensiver und genauer darüber nachdenkt.
DAY 2 – WINDY HEISST JETZT HIMMEL
Sonntag, Tagesbesprechung. SK!PA: „Teamberatung. Wohin geht's heute – und warum? Eure Entscheidung wird für mich eine Empfehlung sein. Wenn meine Filter der Sicherheit und der nautische Gegebenheiten passen, setzen wir es so um!"
Im Lauf der Woche haben wir dann verstanden warum, und wie anders es sich anfühlt wenn aus unserer Empfehlung eine verbindliche Durchführung wird. Spannend und eine eigene Geschichte wert.
Auf jeden Fall war mein Reflex: App öffnen. Meine Hand findet aber nur Sonnencreme wo sich vorher verlässlich das device befand.
Also anders. A. klopft ans Barometer im Salon wie mein Opa früher – „steigt langsam, stabile Lage“. Wir mussten herzhaft lachen, weil es so eine geniale Szene war, und wohl in einen Filmklassiker passen würde. Moby Dick oder so... M. hängt am Funkgerät, und versucht herauszufinden wo der Seewetterbericht zu hören ist. Englisch mit kroatischem Akzent, er schreibt mit wie bei einer Vorstandssitzung: „North east, three to four.“ Ich steh an Deck und schau in den Himmel. Kleine Quellwolken über den Inseln, sauber begrenzt. Der SK!PA erklärt in zwei Sätzen, warum das Schönwetterwolken sind, und ich fühl mich wie eine Meteorologin.

T. blättert im Hafenhandbuch und liest vor wie ein Hörbuch, inklusive Betonung. Dann die Seekarte aus Papier auf dem Cockpit, die Köpfe darüber, die Zeigefinger drauf.
Und dann eine dieser Fragen die uns zu uns selbst führen:
„Was wisst ihr jetzt, was ihr vor zehn Minuten noch nicht wusstet?“
Ziemlich viel. Und – das ist der eigentliche Hammer – keiner von uns hätte es allein gewusst.
A. entscheidet als Navigatorin des Tages: eine geschützte Bucht bei Rab. Ergebnis: schöner Halbwindkurs (hab ich gehört), ruhiges Wasser, Ankunft passend zum Gefühl dass jetzt eine Jause angebracht wäre. Der SK!PA nickt. Mehr braucht's nicht.
Am Abend sagt M. den Satz des Tages: „Die App hätte das auch gewusst. Aber die App hätte uns nicht an einen Tisch gebracht.“
DAY 3 – ANKERWACHE OHNE APP
Ankern. Keine von uns hat das je gemacht. Keiner auch nicht.

Der SK!PA macht es uns leicht: kurzes Briefing vor dem Manöver, Schritt für Schritt. Wassertiefe und Grund prüfen, wo es helltürkis ist, dort ist Sand und der Anker hält, dunkles Seegras wird unter allen Umständen geschont. Kettenlänge mindestens das Vier- bis Fünffache der Wassertiefe. Und die Handzeichen
zwischen Bug und Steuer – weil man bei rasselnder Kette ohnehin kein Wort versteht. „Das sind keine Erfindungen, das ist Seemannschaft. Seit Generationen bewährt.“
In der Bucht verteilen wir die Funktionen: A. bedient die Ankerwinsch und gibt die Zeichen, T. sagt die Wassertiefe an, M. zählt die Kettenmarkierungen mit, ich bin am Ruder. Der SK!PA steht daneben, in Eingreifweite – aber mit den Händen in den Hosentaschen. Allein das war schon ein Statement und gibt mir ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit.
Langsam rückwärts, die Kette ist am Grund lang gezogen, kurz mit dem Motor gegen den Anker. Er hält. Beim ersten Versuch. Es ist ruhig, fast lautlos.
Nach dem ersten Durchatmen und erfreut in die Bucht schauen, kommt unsere Teamberatung ins Spiel. Der SK!PA: „Wie stellt ihr heute Nacht sicher, dass das Schiff auf Position bleibt?" Normalerweise macht das der Ankeralarm am Handy. Der steht aber in der Garage.
Was wir als Crew daraus machen, ist richtig cool. M. wusste noch was aus der Pfadfinderzeit und sucht zwei Landmarken, die sich in Linie decken – die Kirchturmspitze und eine markante Felsnase – und erklärt uns, dass wir abgetrieben wären, sobald sich die zwei aus der Linie verabschieden. Der SK!PA nickt anerkennend: „Deckpeilung. Genau so wurde es gemacht, lange bevor es Apps gab.“ A. peilt zusätzlich mit dem Handpeilkompass und schreibt die Werte auf (haben wir gestern gelernt). T. erstellt einen Ankerwach-Plan, jede und jeder zwei Stunden, von 22 bis 6 Uhr, Stirnlampe, Logbuch, Werte vergleichen. Und ich? Ich merk mir, wo der Mond steht. Man soll ja auch seine Grenzen kennen.
Die Nacht der Wachhabenden
Der Auftrag für jede Wache ist klar: Alle 15 Minuten Deckpeilung und Kompasspeilung prüfen, Wind und Nachbarboote im Blick, Eintrag ins Logbuch. Ändert sich die Peilung, sofort den SK!PA wecken. Bei der Übergabe die nächste Person kurz einweisen. Wie wir das ohne Uhr hinbekommen sollten, mussten wir erst überlegen, aber wir haben es geschafft! Großartig.

Und dann bekommen wir noch einen zweiten Auftrag mit:
„Schreib auf, was dir in deiner Wache durch den Kopf geht. Als Kurzgeschichte – oder als Elfchen.“ Elfchen? Ein Gedicht aus elf Wörtern, in fünf Zeilen: ein Wort, zwei, drei, vier, und am Ende wieder eines. Klingt nach Volksschule. Ist es aber definitiv nicht.
22 bis 24 Uhr – T.
Dunkel. Niemand fragt. Keine Nachricht wartet. Nur das Wasser spricht. Ruhe.
0 bis 2 Uhr – A.
Kette. Hält still. Kirchturm deckt Felsnase. Ich bin ganz wach. Vertrauen.
2 bis 4 Uhr – M.
Um halb drei dreht der Wind ein paar Grad. Ich halte die Luft an, schau auf die zwei Landmarken – sie passen. Ich trage es ins Logbuch ein, mit einer Handschrift, die meine Sekretärin nie entziffern würde. Mir fällt auf: Zum ersten Mal seit Jahren passe ich auf etwas auf, ohne es kontrollieren zu wollen. Ich schau einfach hin. Das reicht.
4 bis 6 Uhr – J.

Die Stirnlampe ist aus, ich brauch sie nicht mehr. Im Osten wird es grau, dann rosa, dann golden. Vier Menschen schlafen unter mir, einer davon ist für das Schiff verantwortlich, und gerade jetzt bin ich es für sie. Ich hab nicht gewusst, dass sich Verantwortung so leicht anfühlen kann. Um sechs mach ich Kaffee. Für alle.
Beim Frühstück lesen wir uns die Texte vor. Erst wird gelacht, dann wird es still, dann reden wir über Führung, dem Faktor Vertrauen und darüber, warum wir zu Hause nie die Zeit finden, einfach hinzuschauen. Der Coach sagt nicht viel. Muss er auch nicht. Er stellt die passenden Fragen.
Das Logbuch zeigt: acht Stunden, 32 Einträge, Peilungen unverändert. Der SK!PA blättert durch: „Das hätte ich ganz genauso gemacht.“ Lob von einem, der mit dem Schiff mehrmals über den Atlantik ist – das nimmt man mit. Abenteuer pur. Ohne einen einzigen Meter Welle.
DAY 4 & 5

Was mich unter anderem nachhaltig beeindruckt: Am Dienstag & Mittwoch halten wir den Kurs, fahren unsere Wenden bzw. Halsen, ankern und legen an, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Viele Begriffe haben sich so spielerisch leicht etabliert, ich meine ich wusste aus den Kreuzworträtseln was Luv und Lee bedeutet, eine Wende konnte ich mir evtl. noch herleiten, aber eine Halse...
Wir sind weit davon entfernt, Segler zu sein. Aber wenn vier Menschen ihre Stärken auf den Tisch legen und einer sein Wissen klar und ruhig weitergibt, braucht es offenbar weniger Vorwissen, als man denkt.
Was fasziniert, sind die Unmengen von Metaphern und Tätigkeiten auf einem Segelschiff, die man in den Führungsalltag mitnehmen kann. Ich werd´ nie wieder vergessen: "Keine Funktion ohne Bedarf" - eine der Kernaussagen des Open System Models, und wie uns das am Schiff gezeigt wurde. Hammer.
DAY 6 – WER FÜHRT?
Abendreflexion im Cockpit. Sternenhimmel statt Bildschirmlicht – ich hatte vergessen, wie viele es davon gibt. Der Trainer (der ansonsten ja der SK!PA ist) holt

„The holy board“ raus und zeichnet ein paar Kreise. Open System Model. Knapp, präzise, vielsagend.
Dann die Frage, die sitzt:
„Wer hat heute geführt?“
T. denkt lange nach. Dann: „Ich nicht. Und es war der beste Tag seit Monaten.“
Stille. So eine gute Stille.
Was wir danach gemeinsam herausarbeiten, schreib ich mir in mein (Papier-)Notizbuch: Führung heißt nicht, alles selbst zu entscheiden. Führung gibt Richtung und Rahmen – und die Crew (das Management) erarbeitet im daily business an Lösungen. T. hat die ganze Woche zugehört, gefragt, vertraut. A. hat entschieden, wenn sie in der Funktion war. M. und ich haben Dinge gesagt, die wir im Büro wohl runtergeschluckt hätten.
Und jetzt kommt's: Es war völlig egal, wer von uns Frau oder Mann ist, Geschäftsführer oder Teamleiterin. Jede Stimme hatte dasselbe Gewicht. Nicht weil das irgendwo draufstand – sondern weil das Schiff es so verlangt. Und genau deshalb waren unsere Lösungen so gut.
Der Trainer und das OSM benennen das Reifeentwicklung & Intradependenz: jede und jeder eigenständig stark, und gemeinsam stärker. „Geht's dem Ganzen gut, geht's dem Einzelnen gut.“
Und dann noch der Satz, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: „Wir haben analog nicht verlernt. Nur vergessen.“
Freitag, Tag 7 und wieder im Hafen, die Handygarage geht auf. T. hat 47 Nachrichten. Davon wirklich dringend: null. Die Firma läuft. Er grinst. „Gut delegiert.“
Fazit
Gemanagt werden Dinge.
Geführt werden Menschen.
Beraten wird gemeinsam.
Offline ist kein Verzicht. Offline ist Aktivierung – der Beratungskompetenz des Teams, annehmen der Situation und Selbstführung auf einem neuen Level.
Ich hab mein Handy und meine Uhr wieder. Aber ich hab auch eine Frage mit nach Hause genommen, die ich am Montag gleich im Team gestellt hab:
„Was wissen wir gemeinsam, was keiner von uns allein weiß?“
Ich werd´ weiter machen, mit dem Segeln und vor allem mit dem Open System Model – that's clear! SK!PA hat auch beim neuen Buch mitgeschrieben, und ich meine ich hätte da ein zufriedenes grinsen gesehen. Ich will (und muss auch einfach) hier eine klare und deutliche Empfehlung geben, für dieses Seminar. Das ist nachhaltig und erweiternd. Egal ob du schon mal gesegelt bist oder nicht. HANDBREiT - J.
BUCH: SYSTEM SCHAFFT PRAXIS
erhältlich beim Herausgeber oder im SYSTED Webshop
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Redaktioneller Hinweis: Die Crewmembers im Erlebnisbericht stimmen nicht mit den Personen auf den Fotos überein. Ausnahme SK!PA :-)
Foto Credits: Matthis Brezina



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