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Und wenn ich die Kontrolle verliere?

vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit

Seekrankheit & Selbstführung:

Warum Halt in dir und Halt in der Crew zusammengehören


Ich höre diese Frage fast bei jedem Erstgespräch. Meistens kommt sie spät, beinahe beiläufig, wenn alles andere geklärt ist. Die Termine passen, das Thema interessiert, das Team ist neugierig. Und dann: „Eine Sache noch … was, wenn ich seekrank werde?“

Hinter dieser Frage steckt selten die Übelkeit selbst. Dahinter steckt eine viel ältere Sorge: Werde ich die Kontrolle behalten? Und wenn nicht, bin ich dann noch Teil der Crew, oder werde ich zur Last?

Diese zweite Frage ist die eigentlich entscheidende. Und sie stellt sich an Land genauso.


Im systemischen Menschenbild erkennen und unterscheiden wir 4 Ebenen des Seins, und eine ist entscheidend für - für alles. Die mental/emotionale Ebene. Der Mensch denkt sich die Realität. Alle Empfindungen und Entscheidungen erwachsen aus der Interpretation dessen, was wir wahrnehmen. Eine Interpretation ist eine Denkleistung.


Der Sturm beginnt im Kopf

Seekrankheit ist keine Schwäche. Dein Gehirn bekommt an Bord widersprüchliche Nachrichten: Das Innenohr spürt das Schiff rollen, die Augen sehen eine ruhige Kajüte. Dein Körper sucht ein neues Gleichgewicht. Das ist der Lernprozess eines sehr klugen Systems, und er hat ein Ende.

Schwerer wird dieser Prozess durch die Angst davor. Angst lebt in der Zukunft. Sie fragt nicht, wie es dir jetzt geht, sondern was gleich passieren könnte. Der Puls steigt, die Schultern gehen hoch, der Bauch zieht sich zusammen, lange bevor die Leinen los sind. Wer überzeugt ist, gleich krank zu werden, hört auf jedes Kribbeln und macht daraus ein Signal.

Auch angstfreie Menschen werden manchmal seekrank, denn Veranlagung spielt mit. Aber Angst ist der Verstärker. Und die entscheidende Frage ist: Was dreht diesen Verstärker leiser?


Angst wächst dort, wo man allein ist

Meine Antwort nach vielen Jahren auf See, über den Atlantik und durch manche unruhige Nacht: Am leisesten wird die Angst dort, wo jemand sich zugehörig fühlt.

Wer weiß, dass er Teil der Crew ist, egal ob er gerade am Ruder steht oder blass an der Reling lehnt, muss keine Energie ins Verbergen stecken. Er muss nicht beweisen, dass er funktioniert. Er weiß: Die anderen sind da. Ich werde gesehen, und ich bin trotzdem willkommen. Daraus entsteht etwas, das kein Medikament herstellen kann: ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, mitten auf schwankendem Grund.

Auf Geborgenheit lässt sich keine Angst bauen. Angst braucht das Gefühl, allein gegen die Situation zu stehen. Wo dieses Gefühl fehlt, verliert sie ihren Boden. Damit fehlt die Basis für eine anhaltende Stressreaktion, und das ist die Seekrankheit eigentlich.


Jeder findet sein Gleichgewicht anders

Zugehörigkeit ist der Boden. Stehen musst du trotzdem selbst. Genau hier beginnt Selbstführung: nicht das Meer zu beherrschen, sondern deinen Umgang mit dem Schwanken zu finden. Halt in der Crew und Halt in dir gehören zusammen, das eine macht das andere erst möglich.


Vielleicht hast du schon Tipps gegen Seekrankheit gelesen und gemerkt: Bei dir wirken sie, bei deinem Nachbarn nicht, oder umgekehrt. Das ist kein Zufall. Menschen orientieren sich unterschiedlich. Die eine verlässt sich vor allem auf das, was sie sieht. Der andere auf das, was er hört. Der dritte auf das, was er im Körper spürt. Erst wer weiß, über welchen Zugang er selbst am besten Halt findet, kann gezielt etwas tun.

Wer sich über das Sehen orientiert, findet Ruhe im Blick zum Horizont, dem einen Punkt, der stillsteht, während alles andere schwankt. Manchen hilft es auch, den Blick auf den Bug zu richten und die nächste Welle kommen zu sehen. Anderen wiederum tut es gut, für einen Moment die Augen zu schließen, damit das Bild aufhört, dem Körper zu widersprechen.

Wer sich über das Hören orientiert, findet Halt in der ruhigen Stimme des SK!PA, der ansagt, was als Nächstes passiert. Im Rhythmus der Wellen am Rumpf, im gleichmäßigen Rauschen am Heck, im Gespräch mit dem Nachbarn auf der Kante. Wer hört, was kommt, wird nicht überrascht.

Wer sich über das Spüren orientiert, findet sein Gleichgewicht über den Körper. Mit weichen Knien mitschwingen, statt sich gegen das Schiff zu stemmen. Das Steuerrad in der Hand und den Druck im Ruder spüren. Langsam in den Bauch atmen und merken, wie der Körper ruhiger wird. Am Ruder fühlst du die nächste Welle, bevor sie kommt, weil du sie selbst ansteuerst.

An Bord probieren wir gemeinsam aus, welcher Zugang dir am meisten Halt gibt. Oft ist es eine Mischung. Und schon das Wissen, dass du einen Weg hast, der für dich funktioniert, verändert alles. Aus „Hoffentlich geht das gut“ wird „Ich weiß, was ich tun kann“. Und schon ist die unkontrollierbare Stressreaktion beendet.


Der Kreislauf, der eine Crew trägt

Wer sich zugehörig fühlt und seinen eigenen Weg zum Gleichgewicht kennt, erlebt die Situation als handhabbar. Er hat Zugriff auf mehr als die eigenen Kräfte: auf die Mitseglerin, die das Ruder übernimmt, auf den SK!PA, der erklärt, was gerade mit Schiff und Körper passiert, auf eine Crew, die ihren Rhythmus findet.

Daraus wächst, was der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky das Kohärenzgefühl nannte. Ich verstehe, was passiert. Ich habe die Mittel, damit umzugehen. Und ich sehe einen Sinn darin, hier zu sein.

Aus diesem Gefühl entsteht Leistung. Nicht die verkrampfte Leistung dessen, der sich beweisen muss, sondern die gelöste Leistung dessen, der weiß, wohin er gehört. Er übernimmt die Nachtwache, steuert durch die Welle, findet die Lösung, wenn der Wind dreht.

Und dann schließt sich der Kreis. Aus Leistung wird Zufriedenheit. Das stille, tiefe Gefühl am Abend vor Anker: Ich habe heute meinen Teil beigetragen. Diese Zufriedenheit stärkt wiederum das Gefühl, wirklich Teil dieser Crew zu sein. Die Zugehörigkeit wächst, die Sicherheit wächst, die Angst wird noch leiser. Mit jedem Tag an Bord dreht sich dieser Kreislauf ein Stück weiter, und die Crew wird stärker als die Summe ihrer Einzelnen.


Genau so segeln wir bei LEAD & SA!L

Niemand sitzt bei uns als Passagier unter Deck. Jede und jeder übernimmt eine Funktion: am Ruder, an den Schoten, in der Navigation, beim Anlegen. Diese Funktion gibt nicht nur etwas zu tun, sie gibt einen Platz im System. Und jeder Beitrag wird gesehen, denn Leistung braucht Anerkennung.

Wir sprechen offen darüber, wie es jedem geht, auch über Übelkeit, Müdigkeit, Unsicherheit. Gerade das schafft das Vertrauen, in dem eine Crew zusammenwächst. Du lernst deinen eigenen Zugang zum Gleichgewicht kennen. Und du lernst, dass du dich auf die anderen verlassen kannst und sie sich auf dich.

Die Kvarner Bucht mit ihren Inseln bietet dafür ideale Bedingungen. Wir starten in geschützten Gewässern und lassen Körper, Kopf und Crew ankommen, bevor wir weiter hinaus segeln.


Was du mit nach Hause nimmst

Auf See passiert in wenigen Tagen, was in Organisationen oft Jahre dauert. Du erlebst am eigenen Körper, wie Zugehörigkeit Sicherheit schafft, wie Sicherheit Leistung möglich macht und wie Leistung über Zufriedenheit wieder Zugehörigkeit stärkt.

Genau diesen Kreislauf brauchen Teams an Land, wenn sie den Boden unter den Füßen verlieren. In einer Umstrukturierung fallen selten die Schwierigsten zuerst aus. Es sind die, die nicht mehr wissen, wohin sie gehören. Und wer als Führungskraft erlebt hat, dass Menschen auf ganz unterschiedlichen Wegen Halt finden, spricht sein Team anders an. Nicht mit einem Rezept für alle, sondern mit dem Blick für jeden Einzelnen und den Fokus auf stets wirkende, systemische Prinzipien.


Komm mit an Bord

Die Frage „Was, wenn ich seekrank werde?“ ist kein Grund, an Land zu bleiben. Vielleicht ist sie sogar der beste Grund, mitzukommen. Wer einmal erlebt hat, wie sich die eigene Angst in einer Crew auflöst, die einen trägt, geht anders durch stürmische Zeiten. Auf See und im Unternehmen.

Das Meer kannst du nicht kontrollieren, aber deinen Umgang damit.

Ich freue mich, wenn du beim nächsten Törn dabei bist. Schreib mir oder ruf an, und wir klären gemeinsam alle Fragen. Auch die nach der Seekrankheit.


Be a ! in a sea of ?

YOURS SK!PA - Frank


Frank Waltritsch ist Gründer von SK!PA und LEAD & SA!L, Yachtmaster Offshore und systemischer Coach. Mit seinen Segelseminaren in der Kvarner Bucht begleitet er Führungskräfte und Teams dorthin, wo Führung spürbar wird.

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